Von Remscheid nach Riga

Die erste Woche auf Tour .....


1. Tag: 
Was soll man von einem Tag berichten, bei dem man fast nur über die Autobahn gefahren ist? Vielleicht, dass wir nur einen Stau gehabt haben, kurz vor Hamburg in der Baustelle. Und das wir nette Harley-Biker auf `nem Rastplatz getroffen haben (Re-

pekt, wer mit einem solchen Bike auf Tour geht). Dass die Zimmer in der Jugendherberge Schönberg prima sind, das Essen aber ausbau-fähig (Spagetti Bolognese!?). Das Flens ein prima Bier ist.
Den Abend haben wir vorm Fernseher ausklingen lassen: Pokalendspiel. Gefahren: 493 km.



2. Tag:
Jetzt wird es schon deutlich interessanter! Der zweite Tag führt uns erstmal zum Timmendorfer Strand und dann immer schön nah an der Ostsee entlang. Und die erste Fähre ist auch dabei.

Die erste längere Pause machen wir in Wismar: schön die Stadt besichtigen und eine schöne Kaffeepause machen. Vom Ordnungsamt gibt es auch einen "schönen" Gruß: 10 € pro Moped, weil wir nicht auf einer markierten Fläche parken. Na, schönen Dank auch.

Weiter geht´s. Nach kurzer Zeit gibt es schon den nächsten Halt: Kühlungsborn. Auf Empfehlung unserer Schwägerin mussten wir hier unbedingt anhalten. Sicherlich kein schlechter Ort, aber was die Ostseebäder angeht, eher Durchschnitt.

Wo wir nicht angehalten haben: Rostock wird nur umfahren; vor dem Deutschen Bernsteinmuseum in Ribnitz-Damgarten halten wir an, entscheiden uns dann aber doch gegen einen Besuch (zuviel Kultur).
Aus unserer Sicht interessanter: der Hafen von Stralsund. Mit der Gorch Fock vor Anker.

Und dann geht es ab auf die Insel: wir fahren über die alte Brücke nach Rügen. Dort wird die Bundesstraße gerade kräftig ausgebaut, das erste Stück ist neu, dann wird´s holpriger. Fahrtechnisch gesehen keine Herausforderung, aber landschaftlich schön. Übernachtung in der Jugendherberge Sellin. Vom Abendessen in Jugendherbergen haben wir gestern genug gehabt, daher Straßenschuhe an und ab in die City. Schön durch den Wald an einer idyllischen Kirche vorbei zur berühmten Seebrücke. Oberhalb der Seebrücke wird kräftig gebaut; die Preise dürften astronomisch hoch sein. In Sellin findet man noch viele alte Häuser aus DDR-Seiten, mal mehr, mal weniger gut renoviert. Und eine Schlemmermeile, die auch uns zufrieden stellt: Böhmische Spezialitäten (wer kann dazu schon nein sagen). Außerdem haben wir ja auch noch einen Verdauungsspaziergang zurück zur Jugendherberge vor uns.

Gefahren: 322 km.



3. Tag:
Erst mal runter von der Insel. Ein Stück weit begleitet uns ein Yamaha XV 950 Fahrer. Schönes Motorrad, mit kleinen Mängeln (Stichwort: "Eierkocher"). Diesmal geht es über die neue Brücke wieder nach Stralsund, dann aber links ab Richtung Greifswald. Dann schön über Usedom nach Polen. Dort gibt es die nächste Fährfahrt, die allerdings ein bisschen speziell war. Als wir in den Hafen von Swinemünde kommen, die Fähre für die Autos schon voll, die Laderampe ist schon hoch. Ein scheinbar sehr motivierter Mitarbeiter winkt uns trotzdem heran, wir sollen auf die Spur, die für Fußgänger und Fahrradfahrer reserviert ist. Na gut, wenn er meint. Klappt auch problemlos bei der Einfahrt. Nur die Ausfahrt wurde etwas schwieriger: der Kollege hatte nicht die doch etwas ausladenden Koffer an der Honda meines Schwagers gedacht. Aber, wer fahren kann, kann fahren: passt.


Und weiter geht die wilde Fahrt durch Polen. Eigentlich ist es eher beschaulich. Das Navi hat keine Daten für Polen, daher wird wie früher nach Landkarte gefahren. Daher gibt es mehr Pausen (zum Nachblättern). Der nächste geplante Halt ist der Leuchtturm Niechorze. Da sind wir aber auch nicht hoch; muss ja nicht sein bei der Hitze.

Übernachtet wird im Hotel Jantar in Ustka. Eigentlich ein modernes Hotel, allerdings ist die Küche schon um 8.00 Uhr geschlossen. Daher zum Abendessen nochmal auf die Mopeds und ab zum Hafen. Nach dem Essen noch einen kleinen Hafenspaziergang. Schön hier.
Gefahren: 410 km.


4. Tag:
Heute wird´s wild. Aber das wussten wir ja zum Glück noch nicht, als wir am Morgen in aller Ruhe im Hotel gefrühstückt haben. Danach alle Schlösser vom Motorrad entfernt (wir haben alles angebracht, was wir dabei hatten), ein Blick auf die Straßenkarte (Navi klappt ja nicht) und schon sind wir wieder unterwegs. Wir halten uns an die Hauptstraßen, weil wir zum einen noch viel vorhaben heute und zum anderen: kein Navi. Und plötzlich gibt es Straßen, die noch auf keiner Karte sind. Interessant. Aber die Polen halten auch schon mal an, um gestrandeten Motorradfahrern zu helfen. An Danzig vorbei recht zügig bis zur Grenze nach Russland (Exklave Kaliningrad).

Und dann wurde es wild: Russland. Aber zuerst einmal die Einreise. Die Grenzformalitäten auf der polnischen Seite waren easy: Pässe zeigen und fertig. Dann kommt der "Todesstreifen" nach Russland und die Grenze dort. Die Russen haben ein System mit 4 Grenzabschnitten. Als erstes fährt man an eine automatische Schranke ran. Kurz warten, dann geht die Schranke hoch. Der nächste Posten ist eine Grenzerin, die freundlich nach den Pässen und dem Reiseziel fragt. Dann geht auch die Schranke hoch und man steht in der Schlange vor den eigentlichen Grenzposten. 


Wir durften erstmal rund eine Stunde in der Sonne brutzeln, bis uns eine Grenzerin nach vorne gewunken hat. Service für Motorradfahrer. Es gibt zwei Grenzhäuschen: eins für die Einreisepapiere und eins für die Zollerklärung. Arne und die Grenzerin sind schon weg, also stolpere ich hinterher, einfach mal ins Grenzhäuschen rein. Die dort sitzende Grenzerin ist entsetzt und wedelt wild mit den Armen. Scheinbar ist es strengstens verboten, die Häuschen zu betreten. Also schnell wieder raus. Mein Schwager steht vor dem Häuschen und wedelt mit den Papieren. Die Papiere sind in englisch, aber zum Glück hängen an einem Häuschen Vorlagen, die in unterschiedlichen Sprachen ausgefüllt sind. Eine Vorlage auch in Deutsch. Mit Hilfe dieser Vorlage und der, manchmal etwas schroffen, Unterstützung der Grenzerin gelingt es, die Papiere auszufüllen. Stempel drauf, fertig. Juhu, wir wollen schon los, werden aber wieder gestoppt. Erst noch eine Besichtigung der Fahrzeuge.  Arne darf seine Alukoffer aufreizen, bei mir reicht ein abtasten von außen. Jetzt dürfen wir los. Bis zur vierten und letzten Schranke. Da sitzt wieder ein Grenzer und fragt nach den Papieren, die man eben erst bekommen hat. Was für ein Schwachsinn. Dann ist aber wirklich Schluss und man darf einreisen. 

In der Exklave Kaliningrad wird gerade ziemlich viel gebaut. Die neuen Straßen sind Klasse, aber wehe, man kommt an eine Baustelle. Sowas hat man noch nicht erlebt. Auf unserer Strecke wurde gerade ein Autobahnkreuz komplett umgebaut. Dafür haben die Russen eine Fahrbahn mal eben voll gesperrt. Die "Umleitung" war eine halbwegs geteerte steile Abfahrt, übersät mit Schlaglöchern und Unebenheiten. In Deutschland würde man darüber maximal einen Trecker fahren lassen. Hier müssen alle da runter: LKWs, Autos und Motorräder. Abenteuer pur. 
Tanken in Russland ist auch besonders. Wir sind einfach mal an die Zapfsäulen ran gefahren. Wenn man dann den Zapfhahn abnimmt, tut sich nichts. Also mal geschaut, wie die Einheimischen das so machen. Zapfsäule anfahren, aussteigen und in die Tankstelle gehen, dort kurz quatschen und dann tanken. Dann wieder rein. Ich als in die Tankstelle. Die Dame an der Kasse kann kein Englisch und ich kein Russisch. Die Nummer der Zapfsäule kann man ja noch mit den Fingern anzeigen, bei der Spritart ist das schon etwas schwieriger. Erstmal wusste ich gar nicht, was die Dame von mir wollte. Dann hat sie mir die Oktanzahl über einen Taschenrechner angezeigt. Aha, verstanden. Dann habe ich vertrauensvoll meine Kreditkarte auf den Tresen gelegt und wir konnten tanken.


Das Navi klappt, aber irgendwie muss ich die Bedienungsanleitung noch mal genau lesen: wir fahren ein paar mal hin und her, bis wir endlich auf dem richtigen Weg zur kurischen Nehrung sind. Schon wieder ein Schlagbaum, aber diesmal, weil kassiert wird. Also schön die Rubel abdrücken und rauf auf die kurische Nehrung. Die kurische Nehrung ist total verseucht: mit Mücken. Die Viecher stehen in Scharen auf der Straße, man fährt wie in einen Nebel rein. Mein Jethelm mit Brille ist hier nicht die beste Wahl, also schön das Halstuch bis über die Nase ziehen. Wir sind spät dran, darum nur ein kurzer Stopp und Arne rennt schnell zum Strand. 


Die Ausreise ist problemlos, es ist wenig los. Keine Wartezeit, schnelle Abfertigung (Arne, Koffer auf). Und dann Vollgas, wir müssen die Fähre bekommen. Und im Hotel wartet man auch schon längst auf uns. Schon wieder eine Schranke, diesmal aber schon hoch, also mit Vollgas durch. Arne meinte hinterher, der im Kontrollhäuschen anwesende Mann hätte etwas komisch drein gesehen. Die Fähre genau erreicht, aber die Hektik war umsonst, da die Fähre noch bis spät in die Nacht fährt. Trotzdem ist es sehr spät (hier ist wieder Sommerzeit). Hoch ist hier das Hotel Promenada in Klaipeda zu loben, bzw. die junge Dame am Empfang. Sie organisiert noch ein Pizzataxi und kalte Getränke. Klasse, spitzen Service. Gefahrenen: 477 km.




5. Tag:
Nach einem guten Frühstück sind wir wieder gestärkt für neue Aufgaben. Heute geht es von Klaipeda (Litauen) nach Jürmale (Lettland). Aber wirklich nur die Küste lang. In beiden Ländern hat sich in den letzten Jahren viel bewegt. Gerade bei den Straßen merkt man das: viele sind neu und in einem prima Zustand. Und viele große Schilder mit Danksagungen für die EU. Da hat man wenigstens was von der EU-Förderung. Aber Baustellen gibt es auch noch viele. Aus fahrtechnischer Sicht auch ein Problem: die Straßen sind meist pielgerade. 
Die Grenze zwischen Litauen und Lettland ist ein Strich auf dem Boden, so muss das sein. Unser erster Halt ist Liepaja, schön den Markt besuchen und sich Bernsteinschmuck andrehen lassen. 


Wie gesagt, die Straßen sind gut. Es sei denn, man gibt im Navi "kürzeste Strecke" ein. Dann kann es sein, dass man auf ziemlich derben Schotterpisten landet. Der Vorteil: man ist allein, da fährt sonst keiner. Stopp, nicht ganz. Ein junges Pärchen aus Deutschland rauscht an uns vorbei, in einem abgerockten Ford Fiesta. Passt auch besser zur Straße. Dafür ist die Landschaft klasse. Und Störche gibt es ohne Ende.


Nächster Besichtigungspunkt: Ventpils. Mit Ordensburg, die ist aber ´ne ziemliche Enttäuschung. Also Stadtrundgang; und Arne schaut schon mal, wo seine Fähre abfährt.

Schnell noch einen Abstecher zum nördlichsten Punkt Lettlands: Kolka. Von Ventpils aus rund 80 Kilometer fast nur gerade aus. Und dann von Kolka nach Jürmala: rund 120 Kilometer fast nur gerade aus. Ein Königreich für einen Tempomaten.

Hotel Alba in Jürmala erreicht. Parkplatz mit Sicherheitscode am Eingang. Schönes großes Zimmer, schönes großes Bad. Zum Abendessen in ein nahes Diner. Den Leuten dort werden wir garantiert in Erinnerung bleiben. Grund dafür ist unsere kreative Auswahl des Nachtischs: einmal Nachos-Pfanne und noch einen Burger mit Kartoffeln (aber lass das Grünzeug weg, bitte).
Gefahren: 417 km.



6. Tag:  R I G A

Moment mal, das hatten wir so nicht bestellt: es ist kalt. Eigentlich dachte ich, ich könnte schön mit der Jeans an nach Riga cruisen, damit die Stadtbesichtigung leichter von der Hand geht. Aber Pustekuchen. Also das Innenfutter der Motorradjacke raus krosen; nur um festzustellen, dass das nicht passt. Mist, ist von der alten Jacke. Also dann eben den Pullover an und ab nach Riga. Die Stadt ist absolut überlaufen von Touristen, man trifft sie an jeder Ecke. Und die ganze Stadt ist natürlich darauf ausgelegt. Aber trotzdem ist sie schon besonders und absolut eine Reise wert. Und der Kaffee war auch noch ganz erschwinglich.

In keiner anderen ausländischen Stadt haben wir soviel Deutsch gehört wie in Riga. Zeitgleich mit uns ist die AIDA eingetroffen und die deutschen Touristen überfluten die Stadt. Und sind ganz erstaunt, warum man mit dem Motorrad nach Riga fahren kann, wo es doch so bequem mit dem Schiff ist. Komische Einstellung; aber wenn ich 20 Jahren älter bin.

Am Nachmittag mal in Ruhe ein paar Postkarten schreiben. Dann ein Rundgang durch den Stadtteil, Abendessen und ein Sparziergang zum Strand. Gefahren: 88 km.